Mittwoch, 13. August 2014

Mein erstes Mal.. bei der Tafel.

Hallo ihr Lieben,
Ich habe wirklich lange überlegt ob ich über dieses Thema überhaupt posten soll, über dieses Tabu-Thema. Möchte ich, dass jeder weiß dass ich zur finanziellen Unterschicht gehöre? Dass ich jedes Stellenangebot welches in dieser kleinen Stadt hineinkommt sehnlichst erwarte und direkt Bewerbungen schreibe, aber trotzdem nie eine positive Antwort erhalte? Ich wusste es lange Zeit nicht, aber heute fasse ich mir einfach an mein Herzchen und lasse euch, wie früher, ganz tief an meinen Gefühlen und an meinem Leben teilhaben. 


Vor kurzem war mein erstes Mal. Mein erstes Mal bei der..Tafel. Jetzt habe ich es tatsächlich ausgesprochen, komisch, so schlimm fühlt es sich doch gar nicht an. Viele Leute denken beim Thema ALG2, Tafel und co direkt an das Klischee. Das, welches uns von Sendern wie RTL mittags so wunderschön von Kleindarstellerin vermittelt wird. An jedem Klischee hängt ein Fünktchen Wahrheit, aber es gibt eben auch die Kehrseite der Medaille. Nicht jeder der Hartz4 erhält ist damit glücklich, sitzt den ganzen Tag nur auf dem Sofa und schaut oben genannte Sendungen. Achso, ich hatte das Kettenrauchen, FastFood essen und jeden Abend schön ein Bierchen zischen vergessen. 

Es gibt Leute die, wie ich, Abitur machen und einfach keinen Nebenjob finden, soviel sie auch suchen. EGAL wie oft bestimmte Leute auch sagen, dass es ja sooo leicht wäre. Dann gibt es noch die Alleinerziehenden Mütter, die arbeiten bis zum umkippen, aber so wenig Geld verdienen dass sie auf Hilfe angewiesen sind. Oder den Vegetarier, der einst Vorstand eines mittelständigen Unternehmens war, betrogen wurde und nun in der Insolvenz hockt. Diese Leute sind mit ihrer Situation bestimmt nicht glücklich, aber immerhin nicht zu stolz um Hilfe anzunehmen.

Ich hatte Angst, wirklich. Ich hatte furchtbare Angst vor meinem Gang zur Tafel. Gott sei Dank, mein Freund kam mit. Während ich also beschämt meine Fußspitzen betrachtete, durfte mein Freund die peinlichste Aufgabe des Tages übernehmen. ''Letzter Blau?''. Ich wäre fast umgekippt, ich bin wirklich sehr schüchtern und sowas ist mir eh immer peinlich. Für alle die es nicht kennen, weil sie entweder noch nie dort waren oder aber weil das System bei ihnen einfach anders ist, hier die Erklärung.

Um den Andrang zu bewältigen und alles besser organisieren zu können teilte unsere Tafel die Leute vor einiger Zeit in Farben ein. Es gibt einen Plan, auf dem die Zeiten stehen und damit jede Farbe zu jeder Uhrzeit mal kommen darf, rotieren die Gruppen. Wer also diese Woche als letztes dran war, ist nächste Woche einer der ersten. 
Wie ich erfahren habe, hat beides seine Vor- und Nachteile. Nur in der Mitte, da will keiner so wirklich gerne sein.. ;)
Da es leider nicht wie auf dem Finanzamt Nümmerchen gibt, muss man also lautstark in Erfahrung bringen wer denn nun die Person vor einem ist. Damit sind wir dann wieder beim ''Letzter Blau?''. 

Nachdem ich noch gut eine halbe Stunde in einem stickigen Warteraum saß und kaum noch Luft bekam, schrecklichen Durst hatte und mein Kreislauf doch lieber eckig laufen wollte waren wir endlich dran. 
Ab diesem Zeitpunkt war es gar nicht mehr schlimm, all die Ängste und Sorgen waren umsonst. Die Ehrenamtlichen Menschen dort waren verdammt nett, gar nicht von oben herab oder anklagend und die ''Ausbeute''? So gut, dass ich einfach nur baff war. Die Menge lag auch daran dass wir die letzten gewesen sind und nun alles raus  musste, aber mit soviel hatte ich trotzdem nicht gerechnet. Für 2 Euro hatten wir fast 2 Tüten voll mit Brot, Crossaints, Obst und Gemüse. Zudem gab es noch einen Joghurt und Nürnberger Würstche'. Entgegen meinen Erwartungen war der Großteil auch noch extrem frisch, bis auf 3 Tomaten die leicht angedötscht waren(aus denen ich heute eine Bolognese zauberte).

Warum ich euch das alles erzähle? Ich weiß auch nicht so richtig, eventuell um euch die Angst zu nehmen, um einfach mal ein anderes Bild zu vermitteln und einfach weil viel zu wenig Blogger über dieses Tabuthema schreiben. 
Fazit: Hilfe annehmen ist NIE schlimm, wenn ich ein gebrochenes Bein habe gehe ich ja auch ins Krankenhaus. Warum also nicht zur Tafel gehen wenn ich kein Geld habe um mir Lebensmittel zu kaufen? Ich bin einfach nur froh, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin. 
PS. Es wäre schon wenn sich unqualifizierte Kommentare ala ''Arbeitsloser sind alle Asozial!'' & ''Geh arbeiten,  Aldaaa!'' in Grenzen halten würden. 
Alles Liebe,

Kommentare:

  1. Ich finds toll, dass du da über deinen Schatten gesprungen bist und zur Tafel gegangen bist! Nö, da muss sich niemand schämen. Ich selber habe mehrere Jahre sogar vom Biomüll gelebt (war wegen Arbeitsunfähigkeit meine beste Möglichkeit, Geld zu sparen), weil ich tolle Tonnen in der Nähe hatte und mir die Tafel im Vergleich zu anstrengend war.

    Ich mach mir definitiv keinen Kopf, ob mich irgendwer, der das sieht (z.B. Personal vom Supermarkt) für einen "Asi" hält. Das gibt es sicherlich vereinzelt (und es gab es sogar, dass mal eine innerlich hässliche Person einen Zettel mit Lästerien aufgehanten hat), aber egal. Inzwischen ist es sogar so, dass ich nett gegrüßt werde! Aber das hat etwas gedauert, bis ich meine Scham überwunden habe.

    Und ich konnte mich auf diese Weise im Lauf der Jahre entschulden (yeah!) und mir auf diese Weise sogar sehr leckere Lebensmittel "leisten", tolles Gemüse und mageres Fleisch, Obst, Lachs (usw.), für die ich sonst niemals das Geld gehabt hätte! Wenn ich eine nette Tafel in der Nähe hätte, würde ich das aber bevorzugen. Wenn ich dir einen Rat geben kann: Du hast keinen Grund für Scham. Sei da ruhig ganz mutig!

    Oh, und toll finde ich auch, dass du in deine Bildung investierst!

    ein Pirat

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  2. Ich habe schon ein paar Mal in der Tafel im Nachbarort ausgeholfen und weiß daher gut, dass da nicht nur die "Klischees" da sind. Wie du geschrieben hast, es kann bei jedem passieren, dass man auf einmal auf so etwas angewiesen ist, und keiner muss sich dafür schämen!
    Ich finde es auch toll, dass du darüber schreibst. Man hört zwar auch ab und an vom Containern, aber über die Tafeln habe ich noch nie auf einem Blog gelesen.

    Liebe Grüße,
    Diana von STILGETREU

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  3. Ein toller Beitrag, der hoffentlich anderen Betroffenen auch Mut macht!
    Nein, schämen muss sich keiner, wenn er an der Tafel einkauft - schämen müssen sich eher die, die so im Überfluss leben und gute Lebensmittel (die anderen noch helfen) einfach entsorgen!

    Alles Liebe, Loona

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  4. Ich finde es toll, dass du darüber schreibst . Hut ab :)
    So etwas finde ich acuh gar nciht schlimm..im Gegenteil, die Tafel ist eine super Sache !

    IN den Läden wird so unglaublich übertrieben viel aussortiert weil es nicht perfekt für den Verkauf ist, dass ich so eine Verwertung klasse finde.
    Was meinst du, wo die Sachen sonst landen würden?
    UNd so hilft das Leuten wie euch und das ist nichits, wofür du dich schämen müsstest.

    Jeder hat mal Pech, solange man daran arbeitet bzw. sich bemüht, da raus zu kommen und sich nicht mit sienem Schicksal abfindet, ist da ncihts peinliches dran.

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